Es wird Zeit für ein Lastenrad

In einem vorangegangenen Blog-Post beschrieb ich, dass ich im Jahr 2019 mein Auto weniger nutzen möchte. Nun folgen Taten bzw. eine Bestellung.

Hotspot „Weg zur Arbeit“

Aktuell verwende ich unser Auto hauptsächlich für das Pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstätte. Dabei begleitet mich seit einiger Zeit mein Sohn, der die Kita meines Arbeitgebers besucht. Der Kleine ist indirekt der Grund, warum ich den Weg zur Arbeit nicht, wie schon in der Vergangenheit, mit dem Fahrrad zurücklege.

Gleichzeitig ist auch aus ökonomischer und ökologischer Perspektive das Zurücklegen des Arbeitswegs mit dem Auto der absolute Wahnsinn. Wir trotten durch den Stau, von dem wir ein Teil sind. Der Stop-and-Go-Verkehr erhöht Verbrauch und Verschleiß, und man verbringt viel zu viel Lebenszeit auf der Autobahn. Verglichen mit der Zeit, die ich als Radfahrer für die gleiche Strecke brauche, verliere ich an jedem Arbeitstag etwa 45 Minuten Lebenszeit an den Verkehr zwischen Mainz und Wiesbaden.

Die Alternative zum Auto: Das Fahrrad

Fahrrad und Kind schließen sich grundsätzlich nicht aus. Schon seit etlichen Jahren gibt es Kinderanhänger und Kindersitze in den unterschiedlichsten Ausführungen. Jedoch finde ich persönlich weder das eine, noch das andere besonders prickelnd.

Bei den Kindersitzen, die ich gesehen habe, sitzt das Kind vergleichsweise weit oben und erhöht damit den Schwerpunkt. Dazu ist mein Sohn sehr bewegungsfreudig und würde massiv mit den (notwendigen) Gurten zu kämpfen haben. Für kurze Strecken mag das okay sein, aber nicht bei einer halben bis dreiviertel Stunde Fahrzeit. Zudem bekommt man relativ wenig vom Kind mit.

Bei Fahrradanhängern bekommt man praktisch gar nichts mehr vom Kind mit. Man kann nicht mit ihm sprechen. Theoretisch könnte es aus irgendeinem Grund in Panik geraten, man würde es erst sehr viel später bemerken. Außerdem rechnet nicht jeder, der einem auf der Mombacher Seite der Schiersteiner Brücke entgegenkommt, dass sich hinter den Betonleitplanken noch ein Anhänger versteckt. Allerdings hat so ein Anhänger durchaus auch Vorteile: Das Kind hat nahezu keinen Einfluss auf die Fahrstabilität und es lassen sich moderate Lasten damit transportieren.

Ich ziehe also eine für mich völlig neue Kategorie von Fahrrädern in Betracht: Lastenräder mit Kindertransportmöglichkeit.

Die Anforderungsliste

Zunächst mache ich mir klar, was ich eigentlich haben möchte und ordne es nach Priorität. Dabei habe ich weiter im Hinterkopf, dass ich weniger mit dem Auto fahren möchte. So entsteht diese Liste:

  1. Kindertransportmöglichkeit: Wobei „Möglichkeit“ implizieren könnte, dass es sich um ein nettes Addon handelt. Das Gegenteil ist für mich der Fall. Das neue Bike soll auf Kindertransport ausgelegt sein.
  2. Komfort für Kinder: Ist das Rad so gefedert, dass das Kind bequem und sicher sitzen kann? Oder schade ich dem Kind vielleicht sogar noch? Ist so ein wenig schon in Punkt 1 enthalten, aber so wichtig, dass ich es noch einmal extra betonen möchte.
  3. Elektrische Unterstützung: Lastenräder sind schwer, und die Gegend hier hügelig. Bisher fahre ich, je nach Situation, mit einem Trekking-Rad, einem Rennrad oder einem Cyclocross, jeweils komplett ohne Unterstützung. Das sind aber alles Fliegengewichte, verglichen mit einem Lastenrad. Und außer mir selbst und ein paar Satteltaschen mit wenigen Kilogramm Inhalt habe ich auch noch nichts transportiert.
  4. Brauchbares Fahrgefühl: Natürlich kann sich so ein Lastenrad kaum so komfortabel wie ein Trekking-Rad, oder so schnittig und flott wie ein Rennrad fahren. Aber ich will auch das Radfahren nicht neu erlernen müssen.
  5. Gute Bremsen: Die Bremsen müssen so dimensioniert sein, dass ich ein solches Schlachtschiff sicher und angemessen schnell zu stehen bringen kann.
  6. Haltbare Umsetzung: Meine Radsaison beginnt jedes Jahr am 01. Januar und endet am 31. Dezember. Das Fahrrad ist damit allerlei Witterung ausgesetzt. Damit sollte Dory Konstruktion umgehen können.
  7. Kräftige, aber regelbare Unterstützung: Ich will mich weiter fit halten. Da würde es gut tun, wenn man die Unterstützung auch eher klein wählen kann. Auf keinen Fall sollte die Unterstützung mit dem Gewicht des Fahrrads oder der Ladung überfordert sein.
  8. Fahrkomfort auch für mittlere Strecken: Ich möchte komfortabel auch Strecken ab 15 Kilometer zurücklegen, sie sind die Regel und nicht die Ausnahme. Entsprechend muss die Geometrie passen.

Das Kandidatenfeld

Nach einiger Recherche hatte ich mich auf das Bullit des dänischen Herstellers Larry vs. Harry eingeschossen und nach einem Fachhändler gesucht, bei dem man es probefahren konnte. Zum Glück fand ich einen hier in Mainz. Dort vor Ort wurde mir dann aber mit Verweis auf die fehlende Federung des Bullits ein Packster 60 von Riese & Müller empfohlen, welches über eine Federgabel verfügt.

Immerhin konnte ich Bullit und Packster kurz probefahren, neben einem Curve von Babboe. Letzteres konnten wir schon direkt nach kurzer Fahrt aussortieren. Das Fahrgefühl war für mich unterirdisch: Die Lenkung reagierte viel zu träge und in Kurven wurde das Rad sofort instabil. Später erfuhr ich, dass man mit dem Babboe bestenfalls mit Schrittgeschwindigkeit um Kurven fahren sollte. Dafür ist der Einstiegspreis des Babboe sehr niedrig. Insgesamt ist das Kurvenfahren die große Achillesferse von dreirädrigen Lastenrädern ohne Neigetechnik. Hier muss man die Geschwindigkeit sehr stark reduzieren, denn sonst neigen diese Räder zum Kippen.

Als Ergebnis der Probefahrt stand fest: Das Bullit hat das genialste Fahrgefühl, die angenehmste Lenkung und die sportlichste Sitzposition. Das Packster ist knapp schlechter im Handling, aber immer noch in einem Bereich, an den man sich gewöhnen kann.

Durch die mitgenommenen Prospekte aus dem Fachhandel wurde ich noch auf das Load 60 von Riese & Müller aufmerksam: Hier gefiel mir die Gestaltung des Lastträgers im Hinblick auf den Kindertransport besser als beim Packster, da hier das Kind von einem massiven Rahmen umgeben ist. Zudem gibt es neben der Federgabel noch einen vollgefederten Rahmen.

Der Haken bei allen gefahrenen Bikes: Die Aufbauten sind aus Sperrholz. Dies ist zwar durch die Bank behandelt, so dass es sicherlich einiges an Witterung aushält, aber besonders verwitterungsfest wirkte keines. Bei Riese & Müller kommt dazu noch eine lange Aufpreisliste, bis man alles hat, was man zum Kindertransport benötigt.

Im späteren Gespräch mit einem guten Freund, mit dem ich die Modelle diskutierte, wurde ich auf das Family vom niederländischen Hersteller Urban Arrow hingewiesen. Auch hier ergab sich die Möglichkeit, es in Mainz zu testen. Es sieht etwas kleiner aus als das Packster, hat aber eine Box aus EPP-Kunststoff mit bereits eingebauter gepolsterter Kindersitzbank mit Gurten. Auch das Fahrgefühl passte soweit. Meinem Sohn bekam während und nach der Probefahrt das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Zusammenfassung des Kandidatenfelds mit meiner subjektiven Bewertung und ohne Anspruch auf Korrektheit:

Platz Rad Kindertransport Komfort für Kinder Elektrische Unterstützung Fahrgefühl Bremsen Haltbare Umsetzung Meine Bewertung
1. Urban Arrow Family +++ / Kinderbank für zwei Kinder bereits Grundausstattung; Regenzelt gegen Aufpreis +++ / gut gepolsterte Sitzbank mit Gurten mit Magnetverschluss +++ / Bosch Performance CX ++ / Lenkung etwas zu leichtgängig +++ / große hydraulische Scheibenbremsen +++ / Box aus EPP, Bank witterungsbeständig bespannt +++
2. Larry vs. Harry Bullit ++ / Kindersitz und Überdach gegen Aufpreis o / laut Beratung ungefedert ++ / Shimano eSteps +++ / Lenkung und Stabilität genial +++ / große hydraulische Scheibenbremsen ? / ohne Kiste gefahren ++
3. Riese & Müller Load 60 ++ / Kindersitz und Überdach gegen Aufpreis +++ / Federgabel und gefederter Rahmen +++ / Bosch Performance CX ++ / vermutlich wie beim Packster +++ / große hydraulische Scheibenbremsen - / mit Kunststoff behandeltes Sperrholz ++
4. Riese & Müller Packster 60 ++ / Kindersitz und Überdach gegen Aufpreis ++ / Federgabel +++ / Bosch Performance CX ++ / Lenkung etwas zu leichtgängig +++ / große hydraulische Scheibenbremsen - / mit Kunststoff behandeltes Sperrholz +
5. Babboe Curve +++ / Kinderbank bereits Grundausstattung; Überdach gegen Aufpreis --- / jede kleine Erschütterung hämmert durch die Box + / Yamaha --- / in Kurven sehr instabil +++ / Scheibenbremsen mit Feststellbremse -- / Holz --

Die Entscheidung

Knapp schiebt sich also Urban Arrow Family an die Spitze. Im Gegensatz zu den Modellen von Riese & Müller verfügt es zwar über keine Federgabel, aber die Kombination aus gepolsterter Sitzbank und dem Ballonreifen-Vorderrad sorgt für ausreichend Dämpfung.

Genug der Theorie: Die Bestellung beim Fachhändler ist raus. Das Regenzelt wurde gleich mitgeordert, um etwaigen Ausreden aufgrund des Wetters schon von vorn herein den Garaus zu machen.


Fortsetzung: Erste Erfahrungen mit den Lastenrad: Pleiten, Pech und Pannen


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